Weltreise - Das Urlauberforum

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 Betreff des Beitrags: Lefteri Stockingers Kubareise
BeitragVerfasst: 10.05.2009, 19:16 
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I unserem Weitblickforum versuche ich mich ja als Krimiautor.
Mein erster spielt zu einem größeren Teil in Kuba, und die Abenteuer des Salzburger Kriminalers Stockinger sowie seiner Ehefrau Karin, die als Dolmetscherin mitreisen muss, sind im wesentlichen im Oktober 2002 von mir selbst erlebt. Deshalb kopiere ich den Kuba-Teil des Romans hier rein, unter weitestgehender Weglassung des Kriminalistischen - wer das lesen will, muss sich halt bei uns im Forum anmelden und unter "Commissario Lefteri" nachgucken.

Viel Spass !



Mittlerweile befanden sie sich am Pariser Zentralflughafen "Charles de Gaulle", von wo der Direktflug nach Havanna abging. Stockinger war enttäuscht.
"Da fliegt man schon über Paris, und sieht nicht mal den Eiffelturm."

Tatsächlich waren sie, als sie, von München kommend, die Wolkendecke durchstoßen hatten, in eine gesichtslose Hügellandschaft eingetaucht, mit Reihenhaussiedlungen, die so in der ganzen EU hätten stehen können, und dann kam auch schon die riesige Flughafenanlage in Sicht mit ihrem Gewirr aus Rollfeldern und unzähligen Funktionsgebäuden.
Das einzige, woran er merkte, dass sie in Frankreich waren, war die für ihn unverständliche Sprache, in der auch die Anleitung für die Telefonkarte gehalten war, die er sich dort gekauft hatte und mit der auch die leidlich sprachkundige Karin nicht zurecht kam.

Eng zusammengepfercht überstanden sie dann den Start der Airbus-Maschine. Nachdem das Anschnallsymbol verloschen war, kamen auch schon die Plastiktabletts mit dem plastikeingeschweissten Essen, und während die Passagiere in ihren Hackbällchen mit Tomatensoße herumstocherten, führte vorn auf der großen Leinwand eine luftig gekleidete Dame Entspannungsübungen vor, die die Blutzirkulation während der flugbedingten Bewegungseinschränkung unterstützen und das Thromboserisiko der Passagiere verringern sollten.

"Ja, wenn wir das jetzt so machen, wie die Dame da sagt", stellte Karin kauend fest, dann haben wir die Soße auf dem Schoß."
"Aber um unsere Sachen notdürftig zu säubern", konterte Stockinger, "sind wir dann gezwungen, uns zu bewegen.
Vielleicht ist das die dahinter steckende Absicht."

Während Stockinger, der am Fenster saß, abwechselnd döste und den schier endlosen Sonnenuntergang mit einem überwältigendem Abendrot genoss, überquerte die Maschine ohne Zwischenfälle den Atlantik. Die immer wieder auf der Leinwand eingeblendete Flugverlaufskarte zeigte, dass man inzwischen vor Miami nach Süden abgebogen war und sich, jetzt in völliger Dunkelheit, Havanna näherte.

Die Nachtbeleuchtung der Millionenstadt war funzelig, lediglich auf den Landebahnen und im Flughafengebäude war es hell. In letzterem angekommen, formierte sich eine Warteschlange, und wieder wurden, zum Ärger Stockingers, einige Handys geräuschvoll betätigt. Karin, unter Nikotinentzug stehend, zündete sich erstmal eine Zigarette an.

Die Passagiere mussten einzeln in eine Kabine treten und standen dann einer grün Uniformierten gegenüber, die - getrennt durch eine Glasscheibe - Gesicht und Personalien überprüfte, die Einreisekarte abstempelte, Pass und Karte zurückgab und dann den elektrischen Öffner für die Tür betätigte, durch die man auf die andere Seite gelangte.

Stockinger - Karin war vorausgegangen - erwartete jetzt eine Gepäckkontrolle, fand aber zu seinem Erstaunen das Gepäck zu einem großen Haufen zusammengestapelt vor, ohne irgendwelche Kontrolle oder Bewachung den Passagieren überlassen, die sich ihre Koffer, Taschen und Rucksäcke heraussuchten.
Als sie alles beieinander hatten, verliessen sie das Flughafengebäude.

Die Hitze traf beide wie ein Schlag.
Es war trotz der Dunkelheit - in Havanna war es 22h, in Salzburg bereits 4 Uhr morgens - wesentlich wärmer als daheim; bisher hatte die Klimaanlage des Flughafens die Hitze abgeschirmt.
Mehrere uniformierte Taxifahrer boten ihre Dienste an, wobei, wie sich herausstellte, der Fahrpreis nach Habana Vieja d.h. Havanna-Altstadt bei allen der gleiche war - zwanzig Dollar. Als sie dann im Taxi - einem undefinierbaren Viertürer japanischer Bauart - saßen, wollte Karin als erstes wissen, ob sie hier rauchen dürfe.
"Offiziell ist es verboten," erklärte der Fahrer,
"aber das hier ist mein Auto," und reichte ihr einen Aschenbecher.

Stockinger und der Fahrer stellten schnell fest, dass sie das gleiche rudimentäre Englisch sprachen, und dass sie ein gemeinsames Thema hatten - Oldtimer. Und dafür war Kuba das Paradies, nachdem wegen der US-Wirtschaftsblockade seit 1961 weder Autos noch Esatzteile dorthin exportiert werden durften.
Und auch die Ostblock-Fahrzeuge aus den 70ern und 80ern waren dank der holprigen Straßen inzwischen erneuerungsbedürftig und hatten manch unorthodoxe Veränderung erfahren. Oder sie dienten als Ersatzteillager.

"Der da," fragte Stockinger an einem der wenigen Ampelhalte, "sieht aus wie ein Opel Rekord von 1955, aber mit den Rädern stimmt etwas nicht."
"Das ist ein Opel Rekord von 1955," klärte ihn der Fahrer auf, "aber die Räder hat er von einem Polski Fiat, und Motor und Getriebe vom Lada."

Hupend scheuchte der Taxifahrer die vielen Radfahrer an den Fahrbahnrand.
Die waren mit allem möglichen beladen, man sah Koffer und Kisten aller Größen auf den Gepäckträgern, bis hin zum Kontrabass. Dann fuhren sie an einem vorbei - jetzt nahm der Fahrer sogar etwas Gas weg - der eine große Plastikkiste quer auf dem Gepäckträger balancierte, in der rechts und links je ein Kleinkind saßen.
Karin schüttelte den Kopf.
"Das gibt's doch nicht - der käm bei uns keine 20 Meter weit."

Irgendwann standen sie an der Hafenmauer, links von ihnen die Altstadt,
am anderen Ufer die Festung. "Hier kann ich nicht hineinfahren," erklärte der Fahrer, und schleppte ihnen das Gepäck in das nur noch wenige Meter entfernte Hotel. An der Rezeption stellten sie zufrieden fest, dass sogar die Reservierung geklappt hatte.

Nachdem sie ihre Pässe und Einreisekarten abgegeben hatten, wurden sie von hinten auf Deutsch angesprochen:
"Willkommen in Havanna. Ich bin Vladimir."
Vor ihnen stand aber kein Russe, sondern ein kohlpechrabenschwarzer Kubaner.

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Zuletzt geändert von Lefteri am 17.05.2009, 18:39, insgesamt 2-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 11.05.2009, 22:42 
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Vladimir ist nicht fiktiv, den gibt's wirklich, in Havanna, damals hat er im "Hostal Valencia" gearbeitet. Er hatte irgendwo in Ostdeutschland studiert und sprach, wie viele seiner Ex-Kommilitonen oder -Vertragsarbeiter, fliessend deutsch.
Wir sind immer wieder auf Ex-DDR'ler gestoßen, die irgendwo im Tourismus tätig waren. Meistens haben wir uns eher ihren DDR-Herkunftsort gemerkt als ihren Namen, das ging dann so: "Heut hab ich den Dessauer getroffen,
oder den Magdeburger ..."

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BeitragVerfasst: 12.05.2009, 18:08 
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Vielen Dank für die tolle Geschichte, lieber Lefteri.

Passt wunderbar zum Land des Monats.

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BeitragVerfasst: 13.05.2009, 06:47 
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Dankschön für die Blumen, lieber Tommy.
Zum 2. Kapitel:
Wir sind natürlich nicht gleich nach Santa Clara abgebraust, das hier ist meine dichterische Freiheit ...
Aber die Fahrt und das, was wir dort erlebten, lief so ähnlich ab.


II.

Vladimir, der deutschprachige Hotelangestellte - er hatte nach einer in Schwerin absolvierten Ausbildung zum Agraringenieur und jahrelanger Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern beschlossen, von den Dollars, die die Touristen auf Kuba liessen, selbst etwas abzubekommen, und war ins Hotelwesen abgewandert - trug den Stockingers ihr Gepäck aufs Zimmer und wünschte, da es in Havanna auf Mitternacht zuging - in Salzburg wäre es bald sechs Uhr früh geworden - eine gute Nacht.

Die Nacht war dennoch kurz gewesen, da die beiden vor lauter Aufregung kaum schlafen konnten, zumal sie die Wahl hatten zwischen einer lärmenden Klimaanlage und der trotz fortgeschrittener Nacht noch drückenden Hitze.

Beim Frühstück fragten sie Vladimir, der noch immer oder schon wieder auf den Beinen war, wie man nach Trinidad käme.
"Da müsst Ihr nach Vedado zur Viazul-Busstation fahren,
am besten mit dem Coco-Taxi, für vier oder fünf Dollar."
Ob sie nicht erst Havanna anschauen wollten.
Selbstverständlich, man wolle nur schon mal den Fortgang der Reise planen.
Vladimir, so zufriedengestellt, rief ihnen eines der Dreiradgefährte, die auf einem Motorradgestell mit breiter Hinterachse und Rücksitz für zwei Fahrgäste eines gelben, halbkugelförmige Dach hatten, was aussah wie eine gelbe Kokosnuss und ihnen den Namen "Coco-Taxi" gegeben hatte.

Die Stockingers nahmen hinter dem Fahrer Platz, und dieser brauste los, durch das Verkehrsgewühl der Altstadt, am Zentralfriedhof vorbei, und keine Möglichkeit zum Überholen auslassend, so dass man schon nach wenigen Minuten an einem Busbahnhof gegenüber dem Zoo angelangt war.
Mit dröhnenden Ohren stiegen die beiden aus.
Vor dem Terminal stand ein nagelneuer Reisebus.

Ein Uniformierter kam auf sie zu.
"English ? Deutsch ?", um ihnen auf Deutsch eine Tagestour anzudienen, nur für 30 Dollar pro Person, nach Santa Clara, der Che-Guevara-Stadt. Abfahrt wär sofort und nur heute, das sei eine Sonderfahrt und einmalige Gelegenheit.

Karin war begeistert.
"In die Stadt, in der die kubanische Revolution entschieden wurde, damit, dasss der Che mit ein paar Leuten einen gegnerischen Panzerzug zum Entgleisen und dann in seine Gewalt gebracht hat, da wollte ich schon immer mal hin.
Bitte, Ernst, tu mir den Gefallen."

Stockinger war eigentlich nur nach einer bequemen Sitzgelegenheit zum Weiterschlafen - in dem lärmenden Coco-Taxi war das definitiv nicht möglich gewesen - und er stimmte zu.

So saßen sie nach wenigen Minuten in den bequemen Sesseln eines Reisebusses und liessen sich aus der Stadt schaukeln - nach Santa Clara waren es etwa 200 km. Die überwiegende englische Reisegruppe im Bus war ebenfalls noch etwas verschlafen und verhielt sich zu Stockingers Genugtuung einigermaßen friedlich.

Mit dem Schlafen war es trotzdem nichts, weil Karin ihren Gatten alle Augenblicke anstiess, um ihn auf etwas Ungewöhnliches aufmerksam zu machen. Auf einen der zahlreichen Oldtimer, einen Pferdeomnibus mit 12 Fahrgästen und einem mageren Pferd vorndran, einer Fahrradrikscha, ähnlich wie den Coco-Taxis, in der sich ein beleibtes Touristenpaar von einem spindeldürren Kubaner herumkutschen liess, und, als sie langsam die Millionenstadt verliessen, den Sehenswürdigkeiten der Autobahn.

Ja, sie befanden sich auf einer vierspurigen Straße mit Mittelstreifen, die insofern den Namen Autobahn verdiente, und die sich über 1000 km erstreckte, von Pinar del Rio im Westen bis Santiago de Cuba im Osten der Insel.
Auf dieser Autobahn verkehrte alles, was irgendwie in der Lage war, sich vorwärts zu bewegen. Pferdewägen, Traktoren, Lastautos mit fünfzig oder mehr Leuten auf der Ladefläche, Radfahrer mit abenteuerlicher Beladung, jeder Mange Fussgänger und eben gelegentlich auch einige "normale" PKWs oder Busse.

Eine Ausschilderung der Ausfahrten gab es selten; an den Ausfahrten standen oft Trauben von Menschen, die die Vorbeifahrenden zwecks Mitfahrt anzuhalten versuchten, oft mit Erfolg. Karin hatte einmal gehört, dass kubanische Fahrer verpflichtet seien, Anhalter mitzunehmen.

Irgendwann musste der Bus auf Schritt-Tempo heruntergehen, weil grad ein Traktor mit zwei Anhängern sich abmüht, ein Pferdefuhrwerk zu überholen, da sah Stockinger einen Teppich aus roten Beeren, der auf dem Standstreifen ausgebreitet lag, und dem einige Menschen noch mehr rote Beeren hinzufügten.

"Was ist das denn ?" fragte er Karin.
"Ich hab gehört, das sind Kaffeebohnen, die die Leute hier zum Trocknen hinlegen.
Angst, dass ihnen jemand drüber fährt, haben sie anscheinend nicht.
Aber jetzt sollten wir bald mal eine Pause machen -
mein Frühstückkaffee will raus."

Als ob der Fahrer das gehört hätte - konnte er gar nicht, die Stockingers sassen vor der Rückbank - bremste er plötzlich ab, zog dabei auf die Überholspur, vollführte eine elegante Drehung über den Mittelstreifen und hielt genau vor einer Raststätte.

P.S.
Wenn Ihr auf diesen :link: klickt und ein bissl nach unten scrollt, sehr Ihr zwei gelbe Coco-Taxis, wie sie für Havannna und die wichtigsten Städte typisch sind.

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Zuletzt geändert von Lefteri am 17.05.2009, 18:39, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 14.05.2009, 22:26 
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III.

Stockinger, der eben die Augen zugemacht hatte, blinzelte erschrocken, realisierte wo er war und stolperte seiner Gattin hinterher in die Raststätte.

Diese bestand aus einem großen Strohdach auf Stelzen; den größten Teil des Raumes nahmen Verkaufsstände ein, wo es Ansichtskarten, kubanische Volkskunst, Plakate und T-Shirts gab, letztere überwiegend mit Che-Guevara-Portraits bedruckt oder mit Zitaten von ihm - der mächtige Fidel Castro kam seltener vor.

Aus einem kleinen Container wurden Sandwiches und Getränke verkauft, und am Rand der Anlage stand ein weiterer Container mit den Toiletten. Dorthin strebte Karin jetzt.

Als sie die Toilettenfrau sah, und sich in der -kurzen- Warteschlange anstellte, fiel ihr plötzlich ein, dass sie kein Kleingeld hatte, und ein ganzer Dollar erschien ihr für das kleine Geschäft doch etwas übertrieben.

"Hast Du hier schon mal Münzen gesehen ?", fragte sie ihren Mann,
Der hatte zwar keine Münzen, aber eine Idee.
"Geh ich halt auch, dann zahlt jeder nur einen halben Dollar -
was heisst denn "zwei" auf Spanisch ?"
Nachdem Karin in ihrer Kabine verschwunden war, trat Stockinger auf die seine und die Toilettenfrau zu, gab ihr einen Dollar, zeigte auf die Frauenkabine und auf sich und verkündete ganz stolz: "Dos !"

Die Frau murmelte irgendetwas, kramte in ihrer Tasche herum und gab ihm fünf kleine Münzen zurück. Stockinger war so erstaunt, dass er vergaß, wozu er eigentlich hierher gekommen war.

Während der Weiterfahrt zeigte sich, dass ein Teil der Engländergruppe die Pause benutzt hatte, sich mit alkoholischen Getränken abzufüllen oder zu bevorraten, bzw. diese Vorräte dann in und um sich zu leeren. Dadurch wurde es im Bus immer lauter, und Stockinger kam wieder nicht zur Ruhe.

Zum Glück erreichten sie bald Santa Clara, und der Bus hielt.
Die Stimme des Fremdenführers ging im Gegröhle der Engländer unter.
"Schau," erklärte Karin ihrem Gatten," das sind hier die Reste des Panzerzugs, den der Che 1958 mit seinen Leuten zum Entgleisen gebracht hat." Man sah ein paar Meter Bahnschienen, mehrere schief und schräg auf den Gleisen stehende Güterwagen - in einige konnte man hineingehen - sowie eine auf einem Podest stehende Planierraupe, auf dem Sockel desselben ein langer, für Stockinger unverständlicher, Text.

"Mit dieser Raupe," Karin war ganz begeistert, "haben sie die Schienen weggezogen, und dann gehörten die ganzen Waffen und Geschütze, die der Diktator Batista in die befreiten Gebiete schicken wollte, den Revolutionären. Zwei Tage später musste der Batista ins Exil fliehen, und Fidel und Che zogen mit ihren Truppen in Havanna ein."
Stockinger konnte nur staunen.
"Das ist also den Kubanern ihr Nationalheiligtum hier."

Der Führer hatte es inzwischen aufgegeben, der Gruppe irgendetwas zu erklären. Einige der Betrunkenen versuchten, auf die Planierraupe zu klettern, was an ihrem inzwischen unzureichenden Gleichgewicht scheiterte, so dass sie auf ihre besonneneren Kumpane hörten und sich schliesslich wie eine Schafherde wieder in den Bus zurücktreiben liessen.

Der Führer trat auf die Stockingers zu.
"Sie wollten bestimmt noch zum Che-Guevara-Gedenkplatz ?" fragte er mit unüberhörbarem sächsischen Akzent.
Karin nickte.
"Sin Se bidde so gud, und fohr'n selber mid'n Daxi hin, des is nich deuer," er war sichtlich überfordert. Um 17 Uhr sollten sie wieder am tren blindado, dem Panzerzugdenkmal, sein. Er würde die besoffene Meute solange in einem Restaurant am Stadtrand ruhigzustellen versuchen.

Die Stockingers stiegen also in ein Taxi, "por el Che", der Fahrer wollte nur drei Dollar, und liess sie an einem riesigen Aufmarschplatz hinaus. An der Stirnseite des Platzes stand auf einem hohen Sockel eine mindestens zehn Meter hohe Gestalt des Che, im Kampfanzug und mit Gewehr, umrahmt von patriotischen Sprüchen.

"1967 haben sie den Che in Bolivien umgebracht", erklärte Karin,
und 1997 haben die Bolivianer seine sterblichen Überreste rausgerückt.
Dann haben ihn die Kubaner im Triumphzug über die ganze Insel gefahren
und hier, in 'seinem' Santa Clara, bestattet."

Auf der anderen Seite des Aufbaus war ein kleines Museum sowie eine Art Kapelle, in der man des Che und seiner Mitkämpfer, darunter einer Deutschen namens Tanja Bunke, gedenken konnte. Das liess Stockinger Karin dann allein machen und döste derweil auf einer Bank vor sich hin.

Als Karin zurück kam, war kein Taxi mehr da.
Wohin sie jetzt mussten, wussten sie auch nicht, allerdings bekamen sie langsam Hunger, es war schon nach 13h.

Da kam ein leerer Pferdebus um die Ecke und fuhr anscheinend weiter Richtung Innenstadt.
Karin winkte, der Fahrer liess sie einsteigen und nickte auf die Frage "Centro ?".
Sie staunten, was der Kutscher aus seinem mageren Zugtier, an dem man jede Rippe sah, herausholen konnte. Er lieferte sich mit mehreren Kollegen ein Rennen, das er, da nur mit zwei Fahrgästen unterwegs, während die anderen Fuhrwerke voll besetzt waren, für sich entscheiden konnte, zumal er auf den Gegenverkehr keine große Rücksicht nahm.

An einem Platz mit einem kleinen Park in der Mitte und einem Hochhaus, an dem man noch bis in die oberen Etagen Einschusslöcher sah, hielt er an.
"El centro", sagte er.
Karin fragte nach dem Preis, der Fahrer zuckte mit den Schultern; mit dem Dollar, den ihm Stockinger gab, schien er zufrieden.

Stockinger, jetzt wacher geworden, deutete auf einen unscheinbaren Neubau:
"Da steht 'Toscana' dran, womöglich ist das ein italienisches Restaurant."
Karin, hungrig und mit voller Blase, stimmte zu.

Innen drin war waren die Fenster zu und die Beleuchtung funzelig, kein einziger Gast.
Karin war gerade dabei, sich einen Tisch auszusuchen, da kam eine mürrische Angestellte, in T-Shirt, kurzer Hose und Badelatschen herangeschlurft und deutete auf einen Tisch direkt neben der Tür.
Gehorsam platzierten sie sich dort und inspizierten die Speisekarte.

Karin bestellte Lasagne, Stockinger ein stec, dazu zwei Bier.
Das wurde gleich gebracht, war auch kalt, was leider für die lasañe boloñes, die danach kam, ebenfalls galt. Stockinger hatte mit seinem Steak auch kein Glück, denn es passte, zusammen mit dem Esslöffel Reis dazu, bequem auf eine Untertasse.

Karin warf einen Blick auf die mitgelieferte Rechnung.
"22 Dollar, die sind doch verrückt. Ich frag jetzt nach dem Beschwerdebuch."
Sie bekamen eine Zettelmappe gebracht
("Das war wohl die Zeichenmappe der Enkelin", mutmasste Stockinger nachher), und Karin schrieb in blumigen Spanisch eine Beschwerde.
Woraufhin ihr die Angestellte einen Vortrag über den Auftauprozess von Tiefgefrorenem hielt.

"Was machen wir jetzt eigentlich ?" Stockinger war ratlos.
Karin entschied, zehn Dollar für die ganze Aktion zu bieten, woraufhin die Angestellte noch mürrischer als schon die ganze Zeit Richtung Küche verschwand. Kam nach einer Weile zurück, nahm den Zehner an sich
und komplementierte die Stockingers nach draussen.

Zum Tren Blindado hatten sie sich schnell durchgefragt, die meisten Engländer hingen schon friedlich schnarchend in ihren Sitzen, und auf der Rückfahrt konnte auch Stockinger etwas Schlaf nachholen.


P.S.
Das Pferderennen und unser "Essen" im "Toscana" hat sich genau so abgespielt.
Hier ein informativer :link: über Santa Clara.

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Zuletzt geändert von Lefteri am 17.05.2009, 18:38, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 17.05.2009, 18:26 
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IV.

Am Busbahnhof in Havanna-Vedado erwischten sie ein Coco-Taxi.
Inzwischen hatte es geregnet, die Luft war frischer geworden, und ihre Müdigkeit wich der Erkenntnis, dass der Magen schmerzlich leer war ... Als der Fahrer fragte, ob sie schon zu Abend gegessen hätten,
antwortete Karin deshalb mit "No !", in völliger Unkenntnis der Konsequenzen.

So merkten sie nach kurzem, dass die Fahrt diesmal völlig woanders hinging.
Enge Gassen, so gut wie keine Straßen- oder Hausbeleuchtung, und soweit man das sehen konnte, erschienen die Häuser ziemlich unbewohnbar. Was sie aber angesichts der zahlreichen Menschen auf der Straße augenscheinlich nicht waren. Karin erinnerte sich an einen Roman, der in Havanna spielte, in dem die Titelheldin am Schluss ihr Wohnhaus durch allzu heftiges Treppenhinunterspringen zum Einsturz brachte. Offensichtlich waren sie in Havanna Central, wo sich im Gegensatz zur Altstadt, wo ihr Hotel war, noch keine UNESCO-gesponsorten Restaurateure hin verlaufen hatten.

Das Taxi hielt vor einem dem Anschein nach besser erhaltenen Haus.
Der Fahrer wies nach innen: "Private Restaurant, very good !"
Karin entdeckte ein blau-weisses Schild am Haus, ähnlich wie die Markierungen in Europa an denkmalgeschützten Gebäuden. Das, wusste sie, war hier das Symbol für ein staatliches genehmigtes privates Restaurant, wo sie Hausbesitzer oder -bewohner Essen gegen Devisen servieren durften (und ein Großteil der verdienten Dollars an den Staat abzuführen hatten). Das Essen sollte besser und preisgünstiger sein als in den Restaurants. Karin fragte nach dem Preis. 20 Dollar das Essen für beide, 5 Dollar das Taxi - da konnte man nichts sagen - wenn es dabei bleiben würde.

Im Vorraum bekamen sie erst einmal Zigarren angeboten, die beide, da Nichtraucher, ablehnten, und dann auch in Ruhe gelassen wurden. Dann wurden sie in ein gemütliches Wohnzimmer geführt. In der Ecke flimmerte ein Schwarz-Weiss-Fernseher.

Im Film, der da lief, wurde zwar Spanisch gesprochen, aber die handelnden Personen kamen Stockinger seltsam bekannt vor. Tatsächlich - da stand ein etwa um 20 Jahre verjüngter Horst Tappert, der einen ebenfalls noch jungen Fritz Wepper gerade anwies:
"Harry - el coche !"
Stockinger war begeistert über seine eigenen Spanischkenntnisse:
"'Harry, fahr den Wagen vor !' soll das wohl heissen."

Die Hausherrin klärten die beiden auf, dass das kubanische Fernsehen ein paar alte deutsche TV-Serien aufgekauft habe, unter anderem "Derrick" und "El Viejo", "Der Alte".

Inzwischen war das Essen aufgefahren, es sah lecker aus, und schmeckte auch.
Stockinger sinnierte kauend:
"Und so wie bei Derrick stellen sich die Kubaner dann die Deutschen vor ... ?"


In Havanna ist es nicht weiter schwierig, abends ein Restaurant zu finden, wobei es hier diese Paladares (= privaten Restaurants) auch geben soll (ich war dort in keinem drin). In kleineren Städten wie Santa Clara oder Trinidad war es zumindestens 2002 schwierig, abends eine Lokalität zum Essen zu finden, und da waren wir froh über diese Möglichkeit.

Das System funktioniert so, dass die Inhaber das Paladar (oder, wenn sie Zimmer vermieten wollen, die Pension bzw. das Zimmer) bei der entsprechenden staatlichen Behörde anmelden und dann dafür einen monatlichen Festbetrag an Dollars bzw. Pesos convertibles zahlen müssen, unabhängig davon, ob die die Kohle reinbekommen oder nicht. Wenn sie dann zu wenig Gäste haben bzw. zuwenig Kohle reinbekommen, so dass sich das Ganze nicht rentiert, melden sie es wieder ab. Angemeldete Zimmer oder Paladares erkennt man an einem blau-weissen Zeichen von aussen, das so aussieht wie unser "Geschütztes-Denkmal"-Schild.

P.S:
Die Privatzimmer bzw. -pensionen heissen Casas particulares.

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BeitragVerfasst: 21.05.2009, 22:52 
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Die Stockingers sind wieder im Viazul-Bus auf der Autobahn, diesmal in Richtung Trinidad.

Später, sie waren schon auf der Autobahn, fragte Karin, wie sie denn in diesen Bus hineingekommen wären, und schlief gleich wieder weiter. Einigermaßen wach wurde sie erst kurz vor Trinidad, gerade rechtzeitig, um die Aussicht auf die Karibik zu geniessen.

Dann quälte sich der Bus durch das Gassengewirr dieser alten Stadt, in der vieles sich seit ihrer Gründung 1514 nicht verändert zu haben schien. Als Autofahrer, dachte Stockinger, wär er hier verloren gewesen, zumal -das stand im Reiseführer- viele Straßen blind endeten, nach dem Labyrinth-Prinzip, um nach einem eventuellen Überfall durch – im Regelfall ortsunkundige - Piraten diese in Sackgassen locken und dann leichter überwältigen zu können.

Der Hof, in den der Bus fuhr, wurde nach der Ankunft mit einem Drahtseil abgesperrt. Das war notwendig, weil ca. 50 Leute vor dem Hof standen, um noch quartierlosen Touristen ihre Zimmer andrehen zu können; die Busgesellschaft wollte den potentiellen Opfern wenigstens die Gelegenheit geben, in Ruhe ihr Gepäck auszuladen.

Einige der wartenden Einheimischen hielten Schilder in der Hand, auf dem größten stand „Ernesto y Karin.“
Auf dieses gingen die Stockingers zu. Der Träger war ein Jugendlicher, neben ihm stand ein weiterer, vermutlich sein jüngerer Bruder, mit einem Handwagen. Auf den wurde das Gepäck verladen, und mit Gerumpel und Geschepper ging es dann über’s Kopfsteinpflaster.

Der Weg war zwar kurz, aber uneben, und ausserdem ging es bergauf – ohne den Gepäckservice wäre es kompliziert geworden. Die Häuser waren alle mehrere 100 Jahre alt, anstatt Scheiben gab es nur Gitter und Läden mit verstellbaren Holzlamellen.

Nach 10 Minuten luden sie ab und trugen das Gepäck in einen Hausflur.
Stockinger zog seinen Geldbeutel, der Größere bemerkte sein Zögern - „Four Dollars please", anscheinend zwei pro Person - und hatte zu dem angebotenen Fünfer den Dollar Rückgeld schon in der Hand.
„Gut organisiert“, stellte Karin fest.

„Hola, yo soy Maria,“ stellte sich eine kleine, südeuropäisch aussehende Frau vor, neben ihr ihre beiden 12 und 14 Jahre alten Söhne.

„Euer Zimmer ist im ersten Stock. Die Toilette ist auch dort, aber ein Bad haben wir leider nur unten.“
Im Bad befand sich eine Badewanne, darüber eine Luke.
Aus der Luke ragten zwei blanke Drähte, an dem einen Draht hing ein Birnchen, die Dusche direkt daneben.

Karin war entsetzt.
Maria, die Karins Blick gesehen hatte, fing zu lachen an.
„Hier könnt Ihr ruhig duschen, da ist jetzt kein Strom drauf.
Das ist nur unsere Notbeleuchtung, wenn wieder mal der Strom ausfällt.“
„Und wo kriegt Ihr dann den Strom her ?“
„Venga - kommt mit !“

Sie gingen um’s Haus, dort stand in einem Schuppen ein alter Lada, und an der Luke baumelten die anderen Enden der Drähtchen. „Die hängen wir dann an die Autobatterie“.
Die Stockingers nickten anerkennend.

Dieses abenteuerliche Notbeleuchtungs-Konstrukt haben wir tatsächlich in Viniales, Pivincia Piniar del Rio, im Westen der Insel, entdeckt.

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