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 Betreff des Beitrags: Re: Bihac in West-Bosnien August 2009
BeitragVerfasst: 16.02.2010, 22:07 
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Drei Tage später war ich wieder in Ripac.
Ich wollte in dem wunderschönen Restaurant essen, slap=Wasserfall heisst es, und um ein bissl durchs Dorf über die Inseln spazieren zu gehen. Der Bus geht nur dreimal am Tag, also ist wieder mal das Taxi dran.

Im Slap kämpfte ich mich durch die Speisekarte, als ich auf englisch angesprochen wurde, ob ich Hilfe brauche. Wär nicht nötig gewesen, aber einem netten Gesprächsangebot gehe ich nie aus dem Weg, und so landete ich bei einer kroatisch-bosnischen Gruppe am Tisch.

Erzählte zum x-ten Mal meine Ripac-Geschichte, und als ich den Namen Meho Dupanovic erwähnte, meinte einer:
"Das war mein Cousin !"
Ich beschrieb seiner Gastfreundschaft und die durchzechte Nacht - "ja, das war Meho."
Tatsächlich war er noch vor Kriegsbeginn gestorben, an den Folgen eines Verkehrsunfalls.

Es wurde noch eine lange Unterhaltung. Ich hatte das Gefühl, dass er, auch wenn ich kaum etwas von ihm weiss,
durch meine Suche und das Ergebnis derselben wieder zum Leben erweckt worden ist - wenigstens ein bisschen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Bihac in West-Bosnien August 2009
BeitragVerfasst: 18.02.2010, 23:02 
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Ich bin noch ein bissl in Ripac herumspaziert. Vieles ist inzwischen wieder auf- oder dazugebaut, aber manches muss noch reaktiviert werden, wie die Bahn zum Beispiel. Nach Kriegsende 1995 sind hier einige Züge gefahren, aber seit einem Grenzkonflikt mit Kroatien 1998 ist hier erstmal dicht. Früher war das die Hauptstrecke von Zagreb nach Split an die Adria, über Bihac - Martin Brod - Knin.

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Dabei sehen die Bahnübergangsschilder noch relaitv neu aus ...
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... während die Warnung, den Oberleitungsdraht nicht zu berühren, da sonst Lebensgefahr,
nicht mehr ganz zeitgemäß ist, mangels Strom.
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Der Bahnhof von Ripac gehört den Hühnern und Katzen,
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Immerhin zeigen holzbeladene Güterwagen und eine fahrende Lok, dass sich
zumindestens zwischen Bihac und Ripac bahntechnisch ein bissl was tut :icon_thumbsup:
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 Betreff des Beitrags: Re: Bihac in West-Bosnien August 2009
BeitragVerfasst: 19.02.2010, 05:06 
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Da kann man ja nur hoffen, daß sich da wieder etwas bewegt. Holzzüge sind ein guter Anfang, meist bleibt es aber dann bei Güterverkehr.

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In der Ruhe liegt die Kraft.

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 Betreff des Beitrags: Re: Bihac in West-Bosnien August 2009
BeitragVerfasst: 19.02.2010, 22:22 
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ilja hat geschrieben:
Da kann man ja nur hoffen, daß sich da wieder etwas bewegt. Holzzüge sind ein guter Anfang, meist bleibt es aber dann bei Güterverkehr.


Es geht vorwärts !
Laut Bahn-HP der Federacija gibt es jetzt drei Züge von Bihac nach Martin Brod und zurück:

BIHAĆ 8351 Lokalzug BIHAĆ-MARTIN BROD 6:59 (Abfahrt Bihac)
BIHAĆ 8353 Lokalzug BIHAĆ-MARTIN BROD 12:11
BIHAĆ 8355 Lokalzug BIHAĆ-MARTIN BROD 16:42
MARTIN BROD 8350 Lokalzug MARTIN BROD-BIHAĆ 8:18 (Abfahrt Martin Brod)
MARTIN BROD 8352 Lokalzug MARTIN BROD-BIHAĆ 13:41
MARTIN BROD 8354 Lokalzug MARTIN BROD-BIHAĆ 18:10


Richtung Martin Brod, das ist von Bihac aus nach Süden über Ripac, d.h. der müsste jetzt nur noch über die Grenze nach Knin (Kroatien, ca. 70 km) weiterfahren, dann hätte man Anschluss an die (jetzige) Schnellbahnlinie Zagreb-Split.

Die HP der Eisenbahn der Föderation erreicht man wie folgt:
*** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***
Dann klickt man oben links auf Fahrplan, womit sich ein weiteres Fenster öffnet, in dem man alle bosnischen Bahnhöfe aufrufen kann und Ankunft bzw. Abfahrt der dort verkehrenden Züge findet, sogar Ripac:

Ripač 8350 Lokalzug MARTIN BROD-BIHAĆ 9:13
Ripač 8351 Lokalzug BIHAĆ-MARTIN BROD 7:14
Ripač 8352 Lokalzug MARTIN BROD-BIHAĆ 14:36
Ripač 8353 Lokalzug BIHAĆ-MARTIN BROD 12:53
Ripač 8354 Lokalzug MARTIN BROD-BIHAĆ 19:05
Ripač 8355 Lokalzug BIHAĆ-MARTIN BROD 16:57


Zumindestens die HP hat sich seit letzten Sommer weiter entwickelt, diesen Service hatte sie damals nicht, und sie ist inzwischen auch auf Deutsch zu bedienen. Kann man nur hoffen, dass die Züge auch wirklich fahren.

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 Betreff des Beitrags: Re: Bihac in West-Bosnien August 2009
BeitragVerfasst: 21.02.2010, 12:17 
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Zurück zur letzten Reise, wir schreiben den 10.8.09, zwei Tage bin ich noch hier ...

In Ostrozac ist einiges verloren gegangen, aber nicht nur. Ich muss erstmal hinkommen.
Dazu gehe ich zum Busbahnhof , der sich seit 2005 herausgemacht. hat Der Platz ist geteert, es gibt eine Abfahrhalle mit relativ übersichtlichem Fahrplan, und die Gastronomie in der Umgebung ist OK.
2005 war ich schon einmal für ein paar Stunden in Bihac (von Slunj/Kroatien aus) und es sah trostlos aus hier. Der Busbahnhof ein Schotterplatz, kein Abfertigungsgebäude (jedenfalls habe ich keines gesehen), bettelnde Kinder, kein auffindbarer Busfahrplan - die Abfahrzeiten musste man von den Fahrern des jeweiligen Busses erfragen.

Nach Cazin fahren relativ oft Busse, und ich erwische grad noch einen, die Fahrkarte kostet 4 Mark. Bis kurz vor der Bahnstation Cazin/Srbljanje gehts durchs malerische Una-Tal, danach schraubt sich der Bus die Serpentinen hoch, bis Ostrozac, da will ich hin. Denn die dortige Burg war mir schon bei der Anfahrt vom Zug aus aufgefallen.

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Je näher man der Burg kommt, desto schauriger sieht sie aus, weil die Kriegsspuren immer unübersehbarer werden.
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Kein Verbotsschild und keine verschlossene Tür hindert einen, sich die Verwüstung anzusehen.
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Zum Teil sind ganze Decken eingestürzt.
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Man bekommt widersprüchliche Bilder in Ostrozac. Im Kontrast zu dem Trümmerhaufen, den das Schloss bietet, stehen die Künstler im Burghof, die hier seit über 40 Jahren aktiv sind, und deren Werke nicht nur dort, sondern auch in Bihac und anderswo zu sehen sind. Man kann ihnen bei der Arbeit zugucken, und man wird mitunter auch zu einem Bier eingeladen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Bihac in West-Bosnien August 2009
BeitragVerfasst: 22.02.2010, 23:10 
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Neben der Sv. Ante-Kirche bzw. dem, was davon übrig geblieben ist, steht ein alter Turm, den man allgemein den Kapitänsturm nennt. Dort ist ein Museum untergebracht, das zum einen eine kleine prähistorische Sammlung beinhaltet, zum andern österreichisches Bild- und Kartenmaterial aus dem 18. Jahrhundert, als österreichisch-ungarische Truppen zeitweise die Region von den Türken erobert hatten. Was den Vorteil hat, dass man als Deutschsprachiger aus der Beschriftung schlau werden könnte, so sie denn lesbar wäre.

In den oberen Etagen war zu Jugoslawien-Zeiten eine Ausstellung über die Bihacer Republik - bereits 1942 hatten Partisanen die Region befreit, und im November desselben Jahres fand in Bihac die Gründungssitzung des Antifaschistischen Rates der Nationalen Befreiung Jugoslawiens (AVNOJ) statt. Das Museum wurde später z.B. von Tito gern besucht, und man hatte ihm ein Extra-Sofa reserviert, das leider, wie die meisten anderen Ausstellungsstücke während des Bosnienkriegs, verloren gegangen ist. Die Reste dieser Sammlung erwecken den Eindruck , als hätte man sie bei einer Entrümpelung vergessen, und das finde ich sehr schade.

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Hier wurde der AVNOJ gegründet, der die Befreiung organisierte und die entscheidenden Impulse
zur Gründung des sozialisitschen Nachkriegs-Jugoslawiens gab.
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Besonders intensiv besucht wird das Museum z.Zt. leider nicht, ich war der einzige Gast an diesem Morgen.
Irgendwann war's dann Mittag, ich fuhr nach Ripac hinaus (davon hab ich an anderer Stelle berichtet)
und kam gerade noch rechtzeitig zurück, um ein bissl Abendstimmung an der Una festzuhalten.
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 Betreff des Beitrags: Re: Bihac in West-Bosnien August 2009
BeitragVerfasst: 24.02.2010, 10:47 
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Heute ist mein letzter Tag in Bihac, morgen Mittag fährt der Bus.
Fahrkarte hab ich - 52€ bis München, der junge Fahrkartenverkäufer war ganz begeistert, dass er "München" richtig geschrieben hat. Mit der Bahn wär's zwar interessanter, aber angesichts der wenigen Resturlaubstage zu langsam.

Ich hab lang geschlafen, schon mal ein bissl gepackt, bin durch den Park geschlendert und hab mich gefragt, welche Durchgeknallten dieses Friedensdenkmal von 1967 so verschandelt haben - waren es die Serben, die Bihac 1992 - 1995 belagert und von den Bergen aus der Umgebung mit Artillerie heruntergeschossen haben, oder waren es die "Eigenenen" die zeitweise einen innerbosnischen Krieg geführt haben (Abdic-Truppen gegen die offizielle bosnische Armee) ? Und hat man die Einschusslöcher belassen, weil kein Geld da ist, oder weil man die Frau so zu einem Anti-Kriegs-Denkmal umfunktionieren will ?

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Nachmittags habe ich mich auf eine Wiese an der Una gelegt, hab mich auch mal ins kalte Wasser gelegt, weil es fürs Schwimmen zu flach war. Dass sie ein offizelles Schwimmbad an der Una haben, hab ich erst abends entdeckt, und auf Nachtschwimmen hatte ich keine Lust.
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Schnuppi hat mir mitgeteilt, dass heute der Perseidenschwarm, d.h. Sternschnuppen zu sehen sind - sogar in der hiesigen Zeitung finde ich einen Hinweis darauf. D.h. ich muss bis nach dem völligen Einbruch der Dunkelheit durchhalten und dann noch einen Platz suchen, der dunkel genug ist, um die Sterne zu sehen.
Also schaumermal, was der Abend so bietet.

Im Reiseführer steht, dass das Kino in der Fußgängerzone mangels Nachfrage geschlossen hat. Das stimmt derzeit nicht, sie haben nur ihren verdienten Jahresurlaub. Interresant ist, was man ins Kino nicht mitbringen darf - nicht dass das bei uns erlaubt wäre, aber dass man extra darauf hinweist ...
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Kino fällt also flach - wahrscheinlich hätte ich einen Film in der Landessprache eh nicht verstanden, weil dafür reicht's noch nicht. So schlendere ich durch die Straßen und studiere die wie oft in Südeuropa an Hauswänden oder Bäumen angebrachten Todesanzeigen. Anscheinend sind die Anzeigen katholischer Verstorbener schwarz umrandetet und die moslemischer grün.
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Hier gibt's erstmal kein Eis, es sei denn, es findet sich ein Nachfolger.
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Irgendwann wird's trotzdem dunkel, ich verlasse das Gurman
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und begebe mich auf die Wanderung Una-abwärts.

Ich hätte nicht gedacht, dass Bihac eine so gut funktionierende Straßenbeleuchtung hat - das war nicht immer so :link:
Jetzt, wenn man mal keine braucht, weil ohne Beleuchtung kann man schlecht Sternschnuppen gucken, erscheint sie mir endlos weit in die Peripherie zu gehen. Schliesslich lande ich an einer kleinen verlassenen Moschee und rufe von dortaus meinen Stammtaxifahrer an. Meinen jetzigen Standort kennt er allerdings auch nicht. Da schafft ein junger Mann Abhilfe, der grad vorbei kommt, und dem ich meinen Handy in die Hand drücke mit der Bitte, dem Taxifahrer zu erklären, wo wir hier sind.
In weniger als zehn Minuten ist das Taxi da.

Wir entschliessen uns, zum Kriegsopferfriedhof zu fahren, das ist weiter draussen, und da, so hoffe ich, wird es dunkel genug sein. Aber unmittelbar daneben ist inzwischen auch Neubaugebiet, es sind zwar noch kaum Häuser da, aber bereits eine funktionierende Straßenbeleuchtung ...

Zwischen dem Neubaugebiet und dem Friedhof steht ein großer Rohbau, das soll eine Moschee werden. Die schiirmt mir das Straßenbeleuchtungslicht ab, und ich kann endlich Sternschnuppen gucken. Ein paar sehe ich auch vorbeiflitzen, allein zum Photographieren reicht's nicht. Und dann - ich hab mich vielleicht erschrocken - tönt plötzlich eine Stimme aus der ersten Etage des Rohbaus:
"Was machen Sie hier ?"

Ich erkläre ihm, dass ich Sterne beobachte. Er kommt herunter, will mich in sein Haus einladen. Wenn's nicht schon kurz vor Mitternacht und mein letzter Urlaubstag wäre, würde ich die Einladung gern annehmen. Aber so verweise ich auf das wartende Taxi und verabschiede mich.

(13.8.)
Noch einmal ins Gurman, auch wenn es um 11:30 für's Mittagessen noch ein bissl früh ist. In meinem Reiseführer, hab ich entdeckt, stehen zwei Sätze über dieses Lokal, es soll ein Geheimtipp sein, und nirgendwo in Bihac bekäme man so einen guten bosanski lonac. In der Zeit, in der ich da war, gab's leider keinen, wahrscheinlich waren zu wenig Leute da. Aber ich hab mir im Hotel die Seite aus dem Reiseführer rauskopiert und der Wirtin mitgebracht, die, hellauf begeistert, gleich einen Bilderrahmen holt und die Kopie an die Wand hängt.

Dann ist auch schon Busabfahrzeit. Ich ziehe meinen Rollkoffer über die Fußgängerbrücke zum Busbahnhof, der Bus ist schon da, ein letztes Bier und ich nehme Abschied von Bihac, für dieses Jahr wenigstens.

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 Betreff des Beitrags: Re: Bihac in West-Bosnien August 2009
BeitragVerfasst: 26.02.2010, 07:00 
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Von der Karte her denkt man, Bihac ist gleich hinter oder vor der kroatischen Grenze, aber bis sich der Bus über Cazin und Velika Kladusa durch diverse Serpentinen dorthin geschraubt und noch so viele Passagiere eingesammelt hat, dass alle Plätze besetzt sind, vergehen zwei Stunden. Neben mir kommt eine junge Frau zu sitzen, mit der ich erst eine Weile in der Landessprache spreche, bis sich herausstellt, dass sie vor einem Monat in Essen ihr Abitur gemacht hat und jetzt dorthin zurück will - die Arme hat noch gute 24 Stunden vor sich.

Die kroatische Grenzkontrolle ist locker, jeder kriegt seinen Stempel in den Pass, und wir dürfen weiter fahren. Die Slowenen hingegen lassen uns erstmal eine geschlagene Stunde im Bus sitzen, ohne dass irgendetwas passiert, ausser dass wir Zeugen davon werden, wie sie den - ebenfalls bosnischen - Bus vor uns mit Hingabe filzen. Neben einer gehörigen Ladung Brast bekomme ich ein bissel von dem Gefühl mit, wie es ist, kein EU-Bürger zu sein oder zumindestens in einem Bus zu sitzen, der aus einem Nicht-EU-Land kommt.

Da mir langweilig ist und mir das Kreuz weh tut, versuche ich die Zeit mit dem Löschen misslungener Bilder auf meiner Digicam totzuschlagen. Nachdem von über 600 Bildern etwa 100 gelöscht sind, muss ich mich verklickt haben und das Display zeigt auf einmal:
Kein Bild vorhanden ...
Mein Herz rutscht in die Hosen.
Zum Glück ist Mobilfunkempfang und Schnuppi :knuddel1: erreichbar - sie beruhigt mich und sagt, ich soll nichts mehr an der Kamera herummachen, dann bestünden gute Chancen, die meisten Bilder wiederherzustellen (und so war's dann auch, sonst hätt's in diesem Thread keine Bilder gegeben).

Etwa zu dem Zeitpunkt, als ich diese beruhigende Nachricht bekomme, lassen sie uns dann doch raus, gucken kurz auf unsere Pässe und schicken uns zu einen Platz, wo man auf Toilette gehen oder eine rauchen kann. Wenig später dürfen wir wieder einsteigen.

An der slowenischen Grenze war Dämmerung, bis wir in Österreich sind, ist es dunkel. Es regnet, die Scheiben sind beschlagen, und der Bus fährt so schnell an den Ausfahrtschildern vorbei, dass ich sie nicht lesen kann oder nicht daraus schlau werde. Bis heute weiss ich nicht, welche abartige Strecke wir gefahren sind, auf jeden Fall war sie mir vollkommen unbekannt. Irgendwann sind wieder mal zwei Stunden rum, und zur angesagten Pause halten wir an einer seltsamen Raststätte, an der das gesamte Personal kroatisch, bosnisch oder ähnliches spricht, sogar die Speisekarte ist zweisprachig. Aber wir sind in Österreich, da bin ich mir sicher.

Im Lauf der Weiterfahrt hält der Bus jetzt gelegentlich an irgendwelchen dunklen Punkten, ein oder mehrere Leute steigen aus, und die Autos, mit denen sie abgeholt werden, sind meistens schon da. Bei Salzburg halten wir wieder, und neben einem Münchner, den ich kennengelernt habe, wird ein Platz frei. Da er mir versprochen hat, für meine Weiterfahrt zu sorgen, wenn wir bei Nacht und Nebel (wir haben zwei Stunden Verspätung) gegen zwei Uhr in München ankommen, und zwar nicht, wie ich dachte, am Hauptbahnhof, sondern am Stadtrand an einer mir vollkommen unbekannten Station namens Freimann zu einem Zeitpunkt, zu dem definitiv nichts mehr fährt, setze ich mich zu ihm, so dass die junge Essenerin aus Velika Kladusa ihre Beine etwas länger machen kann.

Mit der Busverspätung hatte ich ausgesprochenes Pech. Aber wiederum Glück, dass mich der Münchner mitten in der Nacht noch 40 km weiter chauffiert hat bis nach Petershausen (zwischen München und Ingolstadt), wo ein Schulfreund von mir wohnt, der mir nicht nur ein Bett gerichtet, sondern auch ein Bier kalt gestellt hat, oder zwei oder drei - so genau weiss ich das nicht mehr.

ENDE

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 Betreff des Beitrags: Re: Bihac in West-Bosnien August 2009
BeitragVerfasst: 27.02.2010, 10:12 
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Vielen Dank lieber Lefteri für diesen ausführlichen und äusserst interessanten Bericht. Ich könnte Deine Schilderungen Nächtelang lesen.

Vielen Dank auch an Dich, liebe Schnuppi. Für die Rettung der Bilder. :D

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 Betreff des Beitrags: Re: Bihac in West-Bosnien August 2009
BeitragVerfasst: 27.02.2010, 23:01 
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Dankschön für die Blumen, lieber Tommy.

Zitat:
Irgendwann sind wieder mal zwei Stunden rum, und zur angesagten Pause halten wir an einer seltsamen Raststätte, an der das gesamte Personal kroatisch, bosnisch oder ähnliches spricht, sogar die Speisekarte ist zweisprachig. Aber wir sind in Österreich, da bin ich mir sicher.


Durch die Veröffentlichung meines Berichts im Balkanforum bekam ich dort den Hinweis, dass diese Raststätte wahrscheinlich im Burgenland liegt, wo es einige kroatische Dörfer gibt.

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